Interview ETIM-Kongresspräsident

Zwei technologische Megatrends, das Bioprinting und die künstliche Intelligenz stehen im Mittelpunkt des ersten ETIM-Kongresses.

Zuletzt aktualisiert: Montag, 12. Dezember 2016

Prof. Dr. Michael Forsting Am 10. und 11. Februar 2017 findet an der Uniklinik Essen der ETIM 2017 Emerging Technologies in Medicine statt. Im Zentrum stehen zwei technologische Megatrends, das Bioprinting und die künstliche Intelligenz. Prof. Dr. med. Michael Forsting, Direktor der Radiologie und Neuroradiologie an der Essener Universitätsklinik, steht dem Kongress gemeinsam mit dem Ärztlichen Direktor des Hauses Professor Werner vor. Im Interview erklärt er, was diese Themen mit der Radiologie zu tun haben.

Herr Professor Forsting, was unterscheidet Systeme, die mit künstlicher Intelligenz arbeiten, von den bereits heute eingesetzten CAD-Systemen in der Radiologie?

Im Unterschied zu den heute gängigen CAD-Systemen, die die Diagnosefindung unterstützen, sind Softwareprogramme mit künstlicher Intelligenz selbstlernende Systeme. Der Computer lernt von Datensätzen, die er bekommt, und er wird immer besser durch sie. Damit sind wir schon bei der vielleicht größten Herausforderung von künstlicher Intelligenz in der Medizin: Es fehlt an validen Datensätzen. Nicht Big Data ist der Weg zur digitalen Medizin, nicht das ungefilterte, wertungsfreie Sammeln von Daten. Sondern das Füttern mit validen Datensätzen, richtigen Befunden also, aus denen das System lernt.

Sind solche Systeme bereits im Einsatz?

Wir haben hier in Essen ein System installiert, das auf der Datenbasis von 700 gesicherten radiologischen Befundsätzen zur interstitiellen Lungenerkrankung treffsichere Diagnosen zu neuen Bilddaten abgibt. Das Problem ist nicht die Software, Google hat seinen Programmcode, mit dem man solche Diagnose-Programme entwickeln kann, freigegeben. Das Problem ist die Datenlage. Hier sind die radiologischen Abteilungen gefragt, besonders die großen Kliniken natürlich, an denen täglich viele valide Datensätze akquiriert werden.

Muss sich Ihre Disziplin nicht sorgen, im Zeitalter der künstlichen Intelligenz überflüssig zu werden?

Künstliche Intelligenz in der Medizin wird sich nicht deshalb durchsetzen, weil sie billiger ist oder den Menschen ersetzen soll. Sie wird sich dann durchsetzen, wenn sie besser ist als der Mensch. Das haben die Automatisierung in der Labormedizin und viele andere technischen Entwicklungen in der Medizin eindrücklich gezeigt. Und noch ein zweites: Mit Blick auf die demografische Entwicklung einer alternden und kränker werdenden Gesellschaft und einer Bilderflut, die schon heute den Radiologen erdrückt, können wir uns über Software-Unterstützung nur freuen. Übrigens sind längst noch nicht alle Fragen beantwortet. Eine alles andere als triviale Herausforderung sind die Normalbefunde und die Varianten, die der langjährige Radiologe als solche einzuschätzen weiß, für den Computer aber schwer einzuordnen sind. Bei den seltenen Diagnosen ist der Computer hingegen nicht zu schlagen, denn im Gegensatz zum menschlichen Gehirn vergisst der Computer nicht.

Ein weiterer Tagungs-Schwerpunkt ist das Bioprinting …


Bioprinting zeigt schon heute vielseitige Praxisanwendungen, zum Beispiel bei den Aortenprothesen zur Behandlung von Aneurysmen oder Kathetern mit Memory-Effekt. Interessanter wird es bei der bio-maschinellen Erstellung von Knorpeln, Luftröhren, teilweise ganzen Organen. Im experimentellen Stadium etwa ist das Bioprinting von Lebergewebe. Alle diese Forschungen und Praxisanwendungen sind radiologienah, denn der Radiologe schafft durch seine 3-D-Diagnostik die Datengrundlage für das Bio-Printing. Wir Radiologen digitalisieren den Menschen.

Aus welchen Disziplinen kommen die Referenten und für wen ist die Teilnahme geeignet?

Prinzipiell sollte jeder unseren Kongress besuchen, der Interesse hat an zwei großen technischen Trends unserer digitalen Zeit. Unsere internationalen Referenten stammen weniger aus der klassischen Medizin, sondern aus der Mathematik, Informatik oder sie sind Ingenieure. Wir brauchen mehr Kommunikation mit diesen Disziplinen, da steckt ein riesiges Potenzial für uns. Selbstverständlich wird es aber auch um juristische Aspekte gehen, die wie alle digitalen Projekte – siehe das selbstfahrende Auto – auch die Medizin begleiten.

ETIM 2017

Artificial intelligence and bioprinting – Emerging technologies in medicine
10. – 11.02.2016 Lehr- und Lernzentrum der Medizinischen Fakultät

https://etim.uk-essen.de/

Die Teilnahme ist kostenfrei.


Interview Prof. Dr. Michael Forsting