Interview mit Kongresspräsident 2017

"Wir müssen die klinischen Anwendungen definieren"

Zuletzt aktualisiert: Dienstag, 30. Mai 2017

Prof. Dr. Horst Urbach www.uniklinik-freiburg.de/Auseinandersetzung mit der Herausforderung Künstliche Intelligenz, viel TED und natürlich mechanische Rekanalisation beim Schlaganfall: Die 52. Jahrestagung der DGNR verspricht Themen und Formatvielfalt für den Neuroradiologen in Klinik und Praxis. Kongresspräsident Prof. Dr. Horst Urbach (Freiburg) im Gespräch.

Herr Professor Urbach, Sie haben der Tagung das Motto vorangestellt: „Mensch und Maschine“. Was war Ihr Antrieb für dieses Motto und wie wird das Thema im Kongress abgebildet?

Prof. Horst Urbach: Ein Neuroradiologe braucht „Maschinen“ wie die Angiographie, die MRT, CT für die tägliche Arbeit und hat in der Vergangenheit enorm von den technischen Weiterentwicklungen dieser Maschinen profitiert. „Maschine“ ist aber auch der Computer, der mit den enormen Datenmengen, die wir erzeugen, trainiert wird und zukünftig eine Diagnosegenauigkeit erreichen kann, die wir mit visueller Analyse nicht erreichen können. Einer der weltweit führenden Machine learning-Experten hat auf einer Konferenz Ende 2016 die Meinung vertreten, dass der Computer die Arbeit des Radiologen in den nächsten zehn Jahren „übernehmen“ wird. Ich glaube nicht, dass es so kommen wird, vor allem nicht, wenn wir die klinischen Anwendungen definieren und auf den Weg bringen. Ich freue mich deshalb auf erste klinische Anwendungen von künstlicher Intelligenz und im Rahmen unseres Kongresses auf die Möglichkeit, dass Experten diese Entwicklungen einem breiten Publikum näher bringen.

Ihr Kongress bringt deutlich mehr TED-Sitzungen, nicht nur im beliebten Fit-für-den-Facharzt-Format. So zum Beispiel im Kurs „Wie würden Sie behandeln?“ am Donnerstagnachmittag. Was ist die Idee dieser Veranstaltung?

Betrachten Sie die Vielfalt an Interventionsmaterialien, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind. So können Sie ein breitbasiges Basilariskopfaneurysmas, ballongestützt, stentgeschützt, mit einem intra-aneurysmalen Impantat behandeln oder vielleicht sollten Sie es auch gar nicht behandeln. Wir bringen in dieser Sitzung ausgewiesene Interventionalisten zusammen, denen wir prototypische Fälle zugeschickt haben, und dann sind wir gespannt, wie sie sie behandelt haben. In diese sicherlich spannende Diskussion beziehen wir das Auditorium mit dem TED ein.

Bereits im vergangenen Jahr Premiere hatten die Videobasierte Fallvorstellungen. Worin liegt der Erfolg dieser Sessions begründet?

Auch mit den Videobasierten Fallvorstellungen wird die Vielfalt der Behandlungsmöglichkeiten abgebildet. Und man erhält zumindest ein Gefühl dafür, wie sich ein „device“ verhält. Ein Gefühl, das einem weder eine Hochglanzbroschüre noch eine Präsentation mit festen Bildern vermitteln kann, und auch ein Tier- oder Gefäßmodell nur komplementär. Es ist auch für die Firmen eine Möglichkeit, das Produkt realistischer darstellen zu können. Ich glaube, Anwender und Firmen mögen dieses Format ganz besonders.

Aktuell läuft die Abstract-Einreichung des Kongresses – noch bis zum 17.Juni. Für welche Themenbereiche erwarten Sie die meisten Einsendungen und wie werden die Arbeiten auf dem Kongress präsentiert?

Ich erwarte die meisten Einreichungen zum Thema Mechanische Thrombektomie, da sich hier die klinischen Bemühungen mit der neuen Evidenzlage der Methode noch einmal deutlich verstärkt haben. Vorne dabei sind sicherlich Beiträge zu technischen Entwicklungen bei Stents und Kathetern, Logistik und Patientenselektion. Zu diesem Thema passt auch unsere Sitzung Time is brain, in der nicht nur Neuroradiologen zu Wort kommen, sondern die wir gemeinsam mit unseren wichtigsten Partnern bei der Stroke-Behandlung, den Neurologen bestreiten werden.

Eine Session am Donnerstagnachmittag widmet sich der Forschungsförderung. Warum ist das Thema so wichtig für die Neuroradiologie?

Es gibt nur wenige DFG- oder BMBF-geförderte neuroradiologische Projekte in Deutschland. Vielleicht trägt auch die Unkenntnis über die Fördermöglichkeiten und Verfahren dazu bei. Das wollen wir mit einer kleinen Sitzung angehen.

2017 wird das vorläufig letzte Jahr der Jahrestagung in Köln sein, ab 2018 findet der Kongress in Frankfurt statt. Welche Bedeutung hatte Kölns gute Stube, der Gürzenich, für den Neurorad?

Ubi bene, ibi Colonia. Der Neurorad im Gürzenich war seit 2009 eine sehr erfolgreiche Veranstaltung und wird sich 2017 mit einer hoffentlich erfolgreichen Veranstaltung verabschieden.

Vielen Dank!

Zur Person

Prof. Dr. med. Horst Urbach, 55 Jahre, geboren in Bonn. Approbation 1988, Promotion 1989, Ausbildung zum Radiologen und Neuroradiologen 1988-1995 in Andernach, Koblenz und Bonn. Oberarzt Neuroradiologie in Bonn und Würzburg 1995-1998. Habilitation 2000. Leitender Neuroradiologe in der Radiologischen Universitätsklinik Bonn 1998-2013. Seit 2013 Ärztlicher Direktor der Klinik für Neuroradiologie der Universitätsklinik Freiburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Diagnostik von Epilepsie und die Interventionelle Neuroradiologie. Prof. Urbach ist Co-Editor der Clinical Neuroradiology, Editorial Board Neuroradiology. Seit 2016 gehört er als President elect dem Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie an.