Multiple Sklerose: Neuroradiologie legt internationale Konsensus-Empfehlung für die MRT- Bildgebung vor

Zuletzt aktualisiert: Mittwoch, 16. Juni 2021

Berlin, München, Hannover, 15.06.2021 – Die Multiple Sklerose (MS) ist die häufigste chronisch entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS) bei jungen Erwachsenen. Die Magnetresonanztomografie (MRT) spielt für die Diagnose, prognostische Einschätzung sowie für das Therapie-Monitoring eine entscheidende Rolle. In der Vergangenheit gab es wiederholt Initiativen, den Einsatz der MRT für MS-Patienten zu standardisieren. Einer internationalen Expertengruppe aus Europa und Nordamerika ist es jetzt gelungen, weltweite Konsensusempfehlungen zur Verwendung der MRT bei MS-Patienten zu etablieren. Mit diesen neuen Richtlinien sollen bestehende Leitlinien aktualisiert, erweitert und vereinheitlicht werden. Übergeordnetes Ziel ist die Standardisierung der Bildgebung für die MS bei allen wichtigen Fragestellungen in der klinischen Praxis, um damit eine Optimierung der Diagnostik und Behandlung der Patienten zu erreichen.

Bereits vor fünf Jahren haben das Europäische Expertennetzwerk MAGNIMS (Magnetic Resonance in MS) bzw. das Nordamerikanische Consortium of MS Centers (CMSC) evidenzbasierte Richtlinien zum Einsatz der MRT bei der MS veröffentlicht. Diese haben seitdem die standardisierte Anwendung der MRT für die Diagnose, prognostische Einschätzung und das Therapie-Monitoring von MS-Patienten in der klinischen Krankenversorgung maßgeblich beeinflusst. In der jüngsten Vergangenheit sind relevante neue Erkenntnisse auf diesem Gebiet erlangt worden. Diese beinhalten unter anderem die neue Revision der McDonald-Diagnosekriterien (Kriterien zur Sicherung oder Ausschluss einer MS), Sicherheitsaspekte hinsichtlich der routinemäßigen Verwendung von Gadolinium-basierten Kontrastmitteln, die Relevanz des Rückenmarks für die prognostische Einschätzung und das Therapie-Monitoring, sowie neue Aspekte der MS-Pathologie einschließlich der leptomeningealen Entzündung und der chronisch aktiven Entzündung in späteren Krankheitsstadien.

Unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Mike P. Wattjes vom Institut für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie der Medizinischen Hochschule Hannover hat eine internationale Expertengruppe aus Europa und Nordamerika, bestehend aus den drei Expertennetzwerken MAGNIMS, CMSC und NAIMS (North America Imaging in MS), unter Berücksichtigung dieser neuen Erkenntnisse eine umfassende Revision bestehender Leitlinien verfasst. Diese wurden jetzt in dem renommierten Journal The Lancet Neurology publiziert. „Diese aktualisierten MAGNIMS-CMSC-NAIMS Empfehlungen können insofern als ein Meilenstein auf dem Gebiet der Bildgebung der MS und der Krankenversorgung von MS-Patienten angesehen werden, da diese Empfehlungen erstmals von Europäischen und Nordamerikanischen Expertenkonsortien getragen werden und dies zu einer globalen Harmonisierung der Empfehlungen führen sollte“, erläutert Prof. Wattjes

Gadolinium-Kontrastmittel für das Therapie-Monitoring nur noch optional

Ein besonderes Augenmerk der neuen Richtlinien liegt auf der Standardisierung der MRT-Protokolle der Untersuchungen des Gehirns und des Rückenmarkes für die Diagnosestellung und das Therapiemonitoring, welche nicht nur Aspekte der MRT Hardware (z.B. magnetische Feldstärke), sondern auch Pulssequenzen und die örtliche Auflösung berücksichtigen. Die Rolle des Rückenmark-MRTs wird in diesen Richtlinien weiter gestärkt und schließt jetzt die Indikation zu Beginn der Erkrankung für eine verbesserte prognostische Einschätzung mit ein. Für das zerebrale MRT wird dem Einsatz der dreidimensionalen (D) Bildakquisition, insbesondere der 3D-FLAIR-Sequenz, eine besondere Bedeutung zuordnet, da sie häufig konventionellen 2-D- Sequenzen in der Detektion entzündlicher Veränderungen überlegen ist. Besondere Wichtigkeit kommt dem Einsatz Gadolinium (Gd)-basierter Kontrastmittel zu. Entgegen früherer Richtlinien wird der Einsatz dieser Kontrastmittel zwar für die primäre Diagnosestellung einer MS weiterhin empfohlen, jedoch für das Therapiemonitoring nur noch als optional angesehen. „Die standardisierte Bildakquisition bei MS-Patienten ist die Basis einer optimalen Versorgung von MS- Patienten. Die in diesen MAGNIMS-CMSC-NAIMS Empfehlungen vorgeschlagenen Protokolle ermöglichen eine flächendeckende Vereinheitlichung und eine verbesserte Vergleichbarkeit von Untersuchungen, welche an unterschiedlichen Standorten angefertigt werden“, erläutert Prof. Dr. Claus Zimmer, Direktor der Abteilung für Neuroradiologie der TU München und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR).

„Die in den Empfehlungen vorgeschlagene moderne Bildgebung mit dem Einsatz von 3D Sequenzen erlaubt ein sensitives Monitoring von MS-Krankheitsaktivität und erlaubt uns, künftig in vielen Situationen auf den Einsatz Gd-basierter Kontrastmittel zu verzichten“, ergänzt Prof. Zimmer.

Besonders bemerkenswert an diesen neuen Empfehlungen ist die Erweiterung der internationalen Richtlinien zur MS-Bildgebung, welche nunmehr spezielle klinische Situationen und Indikationen wie progrediente MS-Verlaufsformen, MS während der Schwangerschaft und im Wochenbett sowie pädiatrische MS miteinschließt.

Die größte Herausforderung für die Zukunft sehen die Autoren in der Implementierung volumetrischer und anderer quantitativer MRT-Techniken in der klinischen Routine. „Insbesondere neuere Medikamente zeigen Potentiale bzgl. neuronaler Reparationsmechanismen und erfordern daher ein spezielles Monitoring mit quantitativen MRT-Methoden, welche über die klassische konventionelle MRT hinausgehen“, erklärt Prof Wattjes. Ob solche neuen quantitativen Methoden in absehbarer Zeit dann auch Einzug in weiterentwickelte Diagnosekriterien erhalten bleibt abzuwarten.  Auch ist kritisch zu sehen, inwieweit mit dem einzig vorgeschlagenen sagitalen MRT-Bildgebungsprotokoll nicht die ein oder andere spinale MS-Läsion übersehen wird. Aber dies ist wahrscheinlich dem doch eher komplizierten multinationalen  Abstimmungsprozess geschuldet.

„Diese aktuellen MAGNIMS-CMSC-NAIMS Empfehlungen stellen einen weiteren Fortschritt für eine harmonisierte, standardisierte und Zukunfts-gerichtete Versorgung von MS-Patienten mittels MRT-Bildgebung über Ländergrenzen hinweg dar. Die DGNR empfiehlt und unterstützt deren Umsetzung in der klinischen Routine, aber auch für wissenschaftliche Zwecke“, fasst Prof. Zimmer zusammen.

Literatur

Wattjes MP, Ciccarelli O, Reich DS et al. 2021 MAGNIMS-CMSC-NAIMS consensus recommendations on the use of MRI in multiple sclerosis. The Lancet Neurology 2021; https://doi.org/10.1016/S1474-4422(21)00095-8